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Pflicht und Vorurteil … Schon wieder eine Kolumne


„Von Freiwilligkeit kann hier nicht so richtig die Rede sein.“

Morgens halb zehn in Deutschland, konkret in Stuttgart-Ost – nein: kein Knoppers, sondern eher die alltägliche (was angesichts einer maximal 1x im Jahr erscheinenden Zeitung etwas übertrieben scheint) Pflicht: Das Schreiben der Kolumne.

„Boah – schon wieder schreiben. Und dafür verwende ich meine freie Zeit!“ – höre ich in meinem Kopf und frage mich… ist es gesund, dass ich eine Stimme in meinem Kopf höre und fühle mich leicht vom eigentlichen Thema abgelenkt.

Nach einigem googlen und hervorragendem Prokrastinieren finde ich meinen Weg zurück zur Kolumne und frage mich: Wenn ich etwas freiwillig mache, ich einen Sinn darin sehe und es hin und wieder gerne mache – warum nenne ich es eigentlich Pflicht?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr fällt mir auf, wie oft ich Dinge, die ich eigentlich will, plötzlich als Pflicht formuliere. Ich muss noch zum Sport. Ich sollte mich mal wieder melden. Ich müsste mal entspannen.

Dem Klingeln meines Telefons oder Laptops – oder vielleicht auch meines Kopfes – nach zu urteilen, habe ich recht lange oder besser gesagt zu lange darüber nachgedacht, denn: die Arbeit ruft! Ich muss mich wieder an die Arbeit setzen und aufhören zu schreiben. Dabei hätte ich doch so gern weitergeschrieben, aber jetzt ruft die Lohnarbeit. Und ja, auch die mache ich manchmal gerne – gut einen Sinn sehe ich selten darin, aber es ist jetzt auch nicht so, dass jemand mit der Peitsche hinter mir steht und mich zur Arbeit zwingt. Oder doch? Vielleicht nicht mit der Peitsche hinter mir, sondern eher mit der Karotte vor mir. Die Karotte lautet „Lohn“ und wird mir für meine Arbeitskraft versprochen. Den Lohn nutze ich dann, um zu wohnen, zu essen und mir hin und wieder was zu gönnen – zum Beispiel in der Freizeit Kolumnen zu schreiben oder auch mal in den Urlaub zu fahren. 

Ich merke: von Freiwilligkeit kann hier nicht so richtig die Rede sein, denn ich würde es wohl schaffen ohne den Urlaub auszukommen und auch die Kolumne könnte ich mir sparen, aber am Wohnen und Essen hänge ich dann doch stark und befürchte, dass wir alle ziemlich abhängig davon sind.

„Kann man da dann von Pflicht sprechen?“ – höre ich mich gedankenverloren selbst laut an der Kasse eines Supermarktes meiner Wahl fragen. Verdutzt schaut mich der Kassierer an und sagt: „Auf jeden Fall. Klar musst du bezahlen, wenn du hier Zeug kaufst!“. Auch wenn ich mich frage, wie ich ursprünglich von der Lohnarbeit im Supermarkt gelandet bin, zücke ich meinen Geldbeutel und zahle pflichtbewusst meinen Einkauf. Auf die Frage an den Kassierer, ob er seinen Job als „Pflicht verstehe“, antwortet der nur: „Ich hab noch 6 Stunden Schicht vor mir, hab ne halbe Stunde Pause und davon kann ich meine Miete und bisschen Essen zahlen. Erstens: Ja, klar ist das ne Pflicht für mich und keine Erfüllung und zweitens verschwinde! Hinter dir stehen 20 Leute in der Schlange, die wieder zur Arbeit müssen“.

Heiko, dem Kaffee-Dealer meiner Wahl (bei den Mengen, die ich konsumiere, muss schon vom Dealer gesprochen werden), bei dem ich mittlerweile an der Theke stehe, stelle ich die gleiche Frage. Er ist selbstständig mit dem Vertrieb des schwarzen Goldes und antwortet nur: „Klar muss ich mir auch meine Brötchen verdienen, aber ich mach das aus Leidenschaft und die Tage an denen ich nicht offen habe sind keine guten Tage.“

Verwirrt wie ich bin klingelt es schon wieder in meinem Kopf – ach nein, mein Telefon. Mein Chef fragt etwas entgeistert, wo ich eigentlich sei und warum ich alle meine Termine schwänze, was mir eigentlich einfalle, und so weiter … stoisch nickend nehme ich hin wie mir geschieht und nutze die Zeit zu resümieren: Es gibt Pflichten, die von außen kommen und den Interessen anderer dienen – wie zum Beispiel die Lohnarbeit – und es gibt Pflichten, die wir für uns selbst eingehen und „gerne“ im Sinne unserer Interessen erfüllen – wie zum Beispiel das Ausschenken von Kaffee oder auch die Kolumne. Während wir die eine Pflicht erledigen müssen, dürfen und wollen wir die andere Pflicht erfüllen. Das ist der Unterschied – oder? 

Und vielleicht ist das genau das Problem: Dass selbst die Dinge, die wir freiwillig tun, sich irgendwann so anfühlen, als müssten wir sie erledigen und sie damit auf eine Ebene stellen mit den Dingen, die wir eigentlich gar nicht tun wollen – aber tun müssen.

„Vielleicht sollten wir uns weniger fragen, was wir noch alles müssen – und mehr, was wir eigentlich wollen.“ – höre ich in meinem Kopf, während mein Chef mich anbrüllt: „Wenn du jetzt nicht sofort zur Arbeit kommst, dann …“ 

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