Wie kann politische Organisierung im Stadtteil aussehen – und wie gelingt es, aus konkreter Unterstützung gemeinsame Kämpfe zu entwickeln? Darüber haben wir mit Aktiven des Stadtteilladens Anni Wadle in Kiel-Gaarden gesprochen. Im Interview berichten sie von ihren Angeboten, ihren Erfahrungen in der Stadtteilarbeit und dem Versuch, gemeinsam mit der Nachbarschaft Gegenmacht von unten aufzubauen.

Stellt euch doch zu Beginn kurz vor: Was ist der Stadtteilladen Anni Wadle und was macht ihr bei euch im Zentrum?
Ronja: Moin ich bin Ronja und bin im Stadtteilladen Anni Wadle aktiv. Der Stadtteilladen ist ein antifaschistischer und selbstverwalteter Anlaufpunkt für die Nachbarschaft bei uns in Kiel-Gaarden. Bei uns gibt es verschiedene Angebote, die regelmäßig stattfinden.
Jeden Mittwoch kocht die Gruppe Essen für Alle, wobei es wechselnd warmes Essen und Kaffee und Kuchen gibt. Hier hat sich mittlerweile ein kleines Stammpublikum aus Nachbar:innen entwickelt und gerade im Sommer wird das Angebot sehr gut angenommen.
Sam: Hallo auch von mir, ich bin Sam. Zweimal die Woche findet auch unsere Solidarische Beratung statt. Nachbar:innen, die Probleme auf der Arbeit, mit dem Vermieter, dem Jobcenter oder der Ausländerbehörde haben, kommen vorbei und gemeinsam suchen wir nach Lösungen. Wir wollen aber nicht nur einzelne Probleme lösen, sondern auch kollektive Aktionen planen. Dabei geht es darum Isolierung aufzubrechen und zu lernen, dass wir etwas verändern können, wenn wir zusammenstehen. Zudem haben wir eine spezifische Feministische Beratung von und für Frauen und LGBTQ* , um nochmal einen sichereren Rahmen zu schaffen.
Ronja: Jeden Montag findet außerdem der Anti-Social-Card Tausch statt. Hier können Leute, die von der rassistischen Bezahlkarte betroffen sind, Einkaufs-Gutscheine gegen Bargeld tauschen. Gleichzeitig versuchen wird mit Tee, Federball & Gesprächen auch ein sozialen Treffpunkt zu gestalten. Neben diesen wöchentlichen Angeboten arbeiten wir auch zu verschiedenen politischen Themen, dafür gibt es eine Feministische AG, das Netzwerk antirassistische Aktion und andere Projekte.
Wer war Anni Wadle und warum habt ihr euren Stadtteilladen nach ihr benannt?
Sam: Anni Wadle war eine Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus und Kommunistin, die sich ihr Leben lang gegen Faschismus, Rassismus und Krieg organisiert hat. Sie hat in verschiedenen Abschnitten ihres Lebens in Gaarden gelebt und war auch hier vor Ort politisch aktiv. Deswegen ist sie nicht nur Namensgeberin für unseren Stadtteilladen, sondern auch eine politische Orientierung.
Ronja: Besonders schön ist auch, dass manchmal Leute zum Laden kommen, die Anni noch persönlich kannten. So erfahren wir immer wieder neue Sachen über sie und ihr Leben. Uns ist es wichtig die Erinnerung an Genoss:innen am Leben zu halten, von ihnen zu lernen und ihre Kämpfe weiterzuführen. Dafür veranstalten wir zu Annis Geburtstag jährlich eine kleine Feierlichkeit.
Wie würdet ihr Gaarden – euer Stadtviertel – beschreiben? Wer lebt hier und welche Themen beschäftigen die Menschen im Stadtteil?
Ronja: Gaarden ist ein Ort, an dem sich die Ungerechtigkeiten der Verhältnisse besonders deutlich zeigen. Ein Großteil der Gaardener:innen lebt in Armut, das betrifft Kinder, Senior:innen und Migrant:innen besonders hart. Dazu kommen prekäre Arbeitsverhältnisse und unwürdiger Wohnraum. Das macht natürlich was mit Menschen und äußert sich in Einsamkeit, Gewalt und Verwahrlosung des Stadtteils. Dazu kommt eine andauernde Stigmatisierung, die sich in rassistischen Polizeikontrollen und der Schikane des Kommunalen Ordnungsdienstes (KOD) äußert.
Sam: Viele Gaardener:innen müssen sich im Alltag mit Problemen rumschlagen, die aus diesen Umständen entstehen: Mit Wohnkonzernen, die falsche Nebenkostenabrechnungen und Mieterhöhungen verschicken. Mit dem Jobcenter und anderen Ämtern, die nervige Bescheide senden und rassistischer Schikane betreiben. Mit einer Stadtpolitik, die einen Stadtteil und seine Bewohner:innen in Verwahrlosung und Perspektivlosigkeit treibt.
Welche Ziele verfolgt ihr mit dem Stadtteilladen – und welche Rolle spielt dabei die Verankerung im Stadtteil?
Ronja: Wir wollen unseren Teil dazu beitragen eine Gegenmacht aufzubauen. Das heißt, dass wir eine Macht von Unten aufbauen wollen, die tatsächlich in der Lage ist die bestehenden Verhältnissen anzugreifen und langfristig zu überwinden. Dafür müssen wir uns als unterdrückte Klasse organisieren und unsere Probleme kollektiv angehen. Wir sehen darin eine Möglichkeit die herrschende Hegemonie anzugreifen, neue Beziehungsweise zu erproben und funktionierende selbstverwaltete Strukturen aufzubauen.
Sam: Der Stadtteil ist dabei ein Knotenpunkt, hier treffen viele Lebensrealitäten aufeinander. Deshalb ist der Stadtteil Ausgangspunkt unserer Organisierung.

Dass der Stadtteilladen spezifisch in Gaarden ist, liegt hauptsächlich daran, dass viele von uns hier wohnen, aber auch weil hier gesellschaftliche Probleme sichtbar werden und es, mehr als anderswo, eine verbreitete Ablehnung der Staatsautorität gibt.
Wie ist der Stadtteilladen organisiert und wie können sich Menschen bei euch einbringen?
Sam: Der Stadtteilladen ist in Arbeitsgruppen organisiert. Diese arbeiten selbstständig zu ihren jeweiligen Themenbereichen, aber auch an gemeinsamen Projekten. Denn im Fokus steht die inhaltliche und strategische Arbeit als gesamtes Projekt, auch wenn das nicht immer so einfach ist. Dafür sind wir in einem Ratssystem organisiert, bei welchem sich Delegierte aller Gruppen einmal im Monat zu einem Treffen zusammenfinden. Dabei wird sowohl das Tagesgeschäft gemeinsam organisiert, aber auch größere strategischere Diskussionen geführt. Zusätzlich gibt es noch verschiedene AG-übergreifende Versammlungen und Treffen. Das ist schon kompliziert, den Überblick darüber zu behalten, haha. Denn es gibt zusätzlich noch verschieden Gruppen, die auch dazugehören, wie den Anni Wadle Chor, ein Motorradclub oder auch mal ein Familiencafé.
Ronja: Und natürlich haben wir auch verschiedene Angebote, über die sich neue Leute miteinbringen können. Grundsätzlich sind alle Arbeitsgruppen des Stadtteilladen offen und neue Leute können immer dazu stoßen. Außerdem lädt die Gruppe Essen für Alle lädt alle zwei Wochen zum gemeinsamen kochen ein. Jeden 2. Montag im Monat gibt es das Offene Treffen des Stadtteilladens, dass als genereller Anlaufpunkt dient. Am letzten Freitag im Monat findet immer das Offene Plenum des nara (netzwerk antirassistische aktion) statt.

Gelingt es euch, über eure Angebote auch Menschen zu erreichen, die vorher wenig mit Politik zu tun hatten, und mit ihnen gemeinsam politisch aktiv zu werden? Könnt ihr dafür ein konkretes Beispiel nennen?
Ronja: Mittlerweile werden verschiedene Angebote, wie der Bezahlkarten-Tausch, die Solidarische Beratung und das Essen für Alle sehr rege und gut von Nachbar:innen genutzt. Über die letzen Monate und besonders um die Planung unseres Straßenfests am 1.Mai konnten wir Beziehungen zu einigen Nachbar:innen nochmal vertiefen und festigen. Es gelingt uns also mittlerweile relativ gut, einen Raum zu schaffen für Menschen, die vorher wenig mit Politik zu tun hatten. Das liegt daran, dass wir uns mit unseren Angeboten an die existentiellen Notwendigkeiten unserer Nachbar:innen richten. Davon ausgehend und darüber hinaus versuchen wir, über Beziehungsarbeit den Stadtteilladen auch als sozialen Ort zu etablieren.
Sam: Konkret heißt das zum Beispiel, dass ein Nachbar zur Beratung kommt, weil er Stress mit dem Jobcenter hat. Erstmal befassen wir uns individuell mit dem Problem, aber wir erzählen auch was wir als Stadtteilladen machen und wofür wir stehen. Immer häufiger kommen Nachbar:innen dann zum Solidarischen Frühstück und tauschen sich mit anderen aus oder helfen uns beim Bau-Tag oder anderen Projekten. Man trifft sich auch mal im Viertel und schnackt über Alltag und Politik. Das macht immer wieder viel Spaß!
Ronja: Aber da wollen wir nicht stehen bleiben, es braucht die kollektive Organisierung, um etwas zu verändern. Zusammen politisch aktiv zu werden, fällt uns gerade noch schwer. Wir haben noch nicht den richtigen Rahmen gefunden, um Leute verbindlich und regelmäßig zusammen zu bringen, um politische Bildung und Aktionen voranzubringen. Es ist im Alltag nicht immer einfach deutlich zu machen, wofür wir stehen und was wir wollen. Die Kämpfe, die wir bisher führen, werden hauptsächlich von Genoss:innen umgesetzt, die schon länger aktiv sind oder sind eher kurzfristig. Deswegen verbringen wir gerade viel Zeit damit zu überlegen, wie wir das Schritt für Schritt ändern können. Aber wir sind zuversichtlich, dass wir dahin kommen werden, es braucht einfach viel Zeit.

Welche Erfahrungen habt ihr mit eurer Stadtteilarbeit gemacht? Was funktioniert besonders gut, wo stoßt ihr an Grenzen – und was würdet ihr anderen politischen Stadtteilzentren mitgeben?
Ronja: In der Anfangszeit haben wir versucht vor allem über kulturelle Veranstaltungen, wie Stadtteilkino oder Offene Ladenschichten Leute in den Laden zu bekommen. Relativ schnell mussten wir feststellen, dass diese Angebote keine neuen Nachbar:innen in den Laden brachten. Mit diesen Erfahrungen und im Austausch mit anderen Stadtteilgruppen haben wir unsere Angebote im Laden umgebaut.
Wir haben uns dann mehr auf den Beratungs-Organisierungs-Ansatz, den die Genoss:innen von Solidarisch in Gröpelingen erarbeitet haben, konzentriert. Eine der ersten Sachen, die wir angepasst haben, war unsere Beratung. Wir haben einen weiteren wöchentlichen Beratungstermin hinzugefügt, das Team an Berater:innen hat sich vergrößert und wir haben unsere Beratung mehrsprachig und breiter beworben. Es wurde schnell deutlich, dass durch diese Ausweitung und Verfestigung des Angebots die Beratung immer mehr genutzt wurde. Wir konnten also kleine Erfolge verzeichnen.
Sam: Wie der Name Beratungs-Organisierungs-Ansatz schon sagt, soll auf die Beratung die Organisierung folgen, damit man eben nicht einfach „nur“ ein weiteres Beratungsangebot ist. Wir wollen keine sozialarbeiterische Dienstleistung sein, sondern der Ausgangspunkt dafür, sich als unterdrückte Klasse zu organisieren, Kämpfe zu verbinden und Gegenmacht aufzubauen. Davon sind wir noch weit entfernt. Aktuell stehen wir vor der Aufgabe die Leute, die unseren Laden mitterweile viel nutzen auch langfristig in den Stadtteilladen einzubinden & die Probleme, die auftauchen zu kollektivieren.
Ronja: Unser Laden funktioniert zum Teil weiterhin als Raum der linksradikalen und revolutionären Bewegung, das bringt immer wieder Herausforderung durch die unterschiedlichen Arbeitsweisen und Themen mit sich, aber eröffnet auch viele Möglichkeiten und ist schlicht eine Notwendigkeit aktuell. Das führt aber auch zu Platzprobleme – unser Laden ist zu klein, um für die verschiedenen Angebote und AG-Treffen und als Infrastruktur genutzt zu werden.

Weitere Infos
Webseite: https://stadtteilladen.gaarden.net/
Instagram: stadtteilladenanniwadle



