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„Da hielt man zusammen“ – Hans Gasparitsch über Arbeitersport & Solidarität

Wir dürfen freundlicherweise ein Interview mit Hans Gasparitsch abdrucken, das 1984 geführt wurde. Inhalt des Interviews sind die Arbeiter*innensportvereine, in welchem Hans Gasparitsch bis zu deren Verbot Mitglied war. Er berichtet unter anderem, was die gemeinsame Idee hinter den Vereinen war und wie sich die Gemeinschaft der Arbeiterinnen durch das Verbot der Vereine und die Machtübernahme der Nationalsozialisten verändert hat.

Sie waren, als die Arbeitervereine 1933 verboten worden sind, 15 Jahre alt, also noch sehr jung, haben Sie trotzdem Erinnerungen an irgendwelche Vereine der Arbeiter?
Ja, und zwar sehr starke Erinnerungen, weil ich als Junge mit meinen Eltern in diesen Arbeiterkulturvereinen mit aufgewachsen bin, hauptsächlich im Stuttgarter ASSV, d.h. Arbeiterschwimm- und Sportverein, und wir hatten in Stuttgart-Ostheim, wo ich aufwuchs, jede Woche zweimal Schwimmabend, dienstags und freitags, glaube ich, war das. Und ich war ein begeisterter Schwimmer, schon seit mich meine Eltern mitgenommen hatten zu ihrem Schwimmabend. Das war von Anfang an in meiner Schulzeit, also schon mit sechs Jahren, und ich ließ keinen Abend ausfallen, außer wenn ich mal krank war. Das war für mich also alles, was ich damals an Geselligkeit und an Sport als Junge erleben konnte, und das habe ich dort gefunden.

Sind ihre Eltern auch zweimal in der Woche dahin?
Auch, ja.

Das ist ja sehr eifrig, oder?
Ja, das kam daher, man lebte ja als Arbeiter- mein Vater war Schuhmacher, meine Mutter war Näherin- man lebte ja in sehr bescheidenen Verhältnissen, in Wohnungen, in denen es noch keine Tapete gab, noch kein Bad und all diese Dinge, die man heute hat. Ich schlief lange Zeit im Schlafzimmer meiner Eltern, bis ich dann eine dunkle Bühnenkammer bekam, wie ich älter wurde. Man hatte zuhause ja nicht so was Heimeliges und so was Angenehmes wie heute, sondern da strebte man hinaus, um in angenehmer Gesellschaft zu sein und unter Gleichgesinnten und Freunden, und das konnte man ja nur in den Vereinen.

Also dann ging man nicht nur zum Schwimmen des Sports wegen, sondern weil man sich gleich dabei gründlich waschen konnte?
Das auch, das war eine soziale, hygienische Funktion, aber es war auch eine politische Funktion und eine Funktion der sozialen Geborgenheit, die man da fand. Man traf sich dort mit den Menschen, mit denen man aufgewachsen war, mit denen man die gleichen Arbeiterverhältnisse hatte. Das waren ja alles Arbeiter da in Ostheim. Damals war Ostheim nur ein reines Arbeiterviertel, und da fühlte man sich wohl innerhalb seinesgleichen.

Das war also das Bad, das im Prinzip für die Bevölkerung gedacht war, aber an zwei Abenden gingen dort nur Arbeiter hin?
Ja, an den anderen Abenden waren die bürgerlichen Vereine dort, aber mit denen hatte man keine Verbindung. Das war damals streng getrennt. Die bürgerlichen Vereine hatten ihre Wettkämpfe und ihre Veranstaltungen für sich, und die Arbeitersportvereine führten ihre Wettkämpfe und Veranstaltungen auch ganz für sich aus, die Klassentrennung war also hier in diesen Jahren sehr stark.

Und wie haben Arbeiter früher diese Klassentrennung empfunden, warum war sie wichtig? War man einfach unsicher unter den Bürgern und wollte deshalb unter sich sein oder wollte man dadurch, dass man sich abgrenzte, sich auch als Klasse mit bestimmten politischen Zielen abgrenzen?
Ja, das hatte wahrscheinlich mehrere Ursachen, also auch die eine, dass die Arbeiter eine geringe Bildung hatten. Nur Volksschule, oder mein Vater, der war nur vier Jahre in der Schule, wie er aus Österreich kam, damals als Waisenknabe. Die fühlten sich innerhalb sogenannter gebildeter Stände, wie man damals sagte, nicht wohl, und so war das allgemein üblich innerhalb der Arbeiterschaft. Meine Mutter wurde beispielsweise in ihren Zeugnissen als Hilfsarbeiterin oder Tagelöhnerin bezeichnet. Und aus dieser Situation haben sie innerhalb der Arbeiterbewegung ihre eigene Kulturorganisation geschaffen. Das wurde ja von der Sozialdemokratie vor 1900, vor der Jahrhundertwende, schon in die Wege geleitet und das war ihre Heimat- auch politisch -und da haben sie sich dazugehörig gefühlt.

Und das war dann also, wenn man ins Schwimmbad ging nicht so wie heute, dass man da so alleine vor sich hinschwimmt, sondern man kannte die andern?
Ja, man hatte auch persönliche, immer gute Beziehungen und wie ich schon sagte, das waren zum größten Teil Schulkameradinnen und -kameraden, oder man hat sich im Verein dann kennen gelernt, wenn man nicht schon vorher bekannt war und man hat sich gegenseitig besucht. Man hat alle Probleme miteinander ausgebadet und erörtert und sich geholfen, wo man konnte. Jeder hat seine Probleme gehabt, soziale und andere Probleme. Interne Probleme, aber da hielt man fest zusammen, und sonntags ging man auch auf Wanderung, jeden Sonntag ging man hinaus, wenn es möglich war, weil wie gesagt, zu Hause, da hielt einen nichts, draußen da war man Mensch und in der Wohnung, da war man praktisch- so wie Heinrich Zille ( der Berliner Zeichner) es sagte, da wurde man erschlagen von den vier Wänden.

Hat denn dieser Arbeiterschwimmverein auch Wettkämpfe organisiert?
Ja, und das ging dann immer weiter bis zu den roten ‚Sportspartakiaden‘, wie sie damals genannt wurden, und zwar waren die Arbeitersportvereine in der roten Sporteinheit zusammengefasst. Es gab auch noch sozialdemokratisch orientierte Vereine. Ich weiß nicht, ob die dort auch dabei waren, aber so wie ich es noch in Erinnerung habe, waren die meisten in dieser sogenannten roten Sporteinheit zusammengefasst. Es waren auch die Gesangsvereine im Arbeitersängerbund zusammengefasst. Und die Sporteinheiten haben große Sportkämpfe durchgeführt, also auf Landesebene und dann. …

Auch innerhalb des Vereins
Innerhalb des Vereins, also zum Beispiel wir von Ostheim, wir haben mit den Cannstattern oder mit den Heslachern Wettkämpfe ausgeführt, natürlich auch zum Aussieben für die größeren Kämpfe. Und dann gab es in Mannheim den bekannten Sportverein Möwe und in Berlin, wie hieß er da, das weiß ich jetzt nicht mehr, die auch alle, große bekannte Sportvereine waren das damals, und da fuhr man dann einmal in einem Jahr hin oder je nachdem, wie es organisiert war. Damals hatte man ja nicht so viel Geld, um ständig hin- und herfahren zu können. Aber einmal war ich dabei in Mannheim im Herschelbad. Eine große Sportschwimmveranstaltung aus wahrscheinlich der ganzen Weimarer Republik damals. Das waren ja drei Schwimmhallen, das Herschelbad. Da fanden in allen drei Schwimmhallen zugleich Schwimmwettkämpfe statt.

„Das war ihre Heimat- auch politisch – und da haben sie sich dazugehörig gefühlt.“

Aber wir reden jetzt immer über Wettkämpfe. Ich denk dabei daran, dass ich mal gelesen habe, dass eigentlich im Arbeitersport Wettkampf verpönt war. Also weil das auch was mit Konkurrenz zu tun hat und man sagte: Konkurrenzdenken ist kapitalistisch.
Es wurde nicht dieser Leistungssport betrieben im Sinne wie bei den bürgerlichen, dass man nur ausgerichtet hat auf Leistung, sondern man hat ihn ausgerichtet in erster Linie zur Gesunderhaltung der arbeitenden Menschen nach der schweren Arbeit, die sie meistens verrichten mussten. Aber man hat auch den sportlichen Wettkampf gesucht, nur man hat es nicht so gemacht, dass man einzelne Leute gedrillt hat, außerhalb der Vereinsabende, sondern nur innerhalb der Vereinsabende wurde geübt für die Wettkämpfe. …
Darf ich da vielleicht noch was anfügen? Also, was mich damals sehr beeindruckt hat und was besonders gepflegt wurde, weil das auch für die Frauen eines der schönsten und leichtesten Gebiete war, wo sie etwas zeigen konnten, das war das Kunstschwimmen, in solchen, wie soll ich sagen

In solchen Formationen
Sternformationen auf dem Wasser. Das hat man dann auch benutzt, um damit Werbeveranstaltungen zu machen, da waren dann öffentliche Schwimmabende. Da waren, außer dem Springen, immer die Höhepunkte, wenn da die Frauen so die verschiedenen Figuren immer wieder bildeten, das hat immer wieder großen Eindruck gemacht.

Und wenn man dann geschwommen war, dann ging man vielleicht noch in eine Arbeiterkneipe?
Ja, also man hatte ja als Verein immer ein bestimmtes Vereinslokal, wo man da nach dem Schwimmabend oder dem Sportabend hinging. Das kam für mich nicht infrage. Ich war damals noch zu jung, ich war ja nur Schüler und ich trank keinen Alkohol, auch aus ideellen Gründen nicht [lacht] und hatte auch kein Geld und meine Eltern wahrscheinlich auch nicht, um mir auch noch was zahlen zu können. Ich werde da manchmal auch sehr traurig, denn diese Vereine hatten auch manchmal kulturelle Abende veranstaltet. Ich erinnere mich, dass im Ostheimer Kino, das nannte man damals „die Flohkiste“ in Ostheim in der Ostendstraße, dass da 1932 der Film aufgeführt wurde „Panzerkreuzer Potemkin“ und andere Filme aus der Sowjetunion, die damals großes Aufsehen erregten, die heute ja auch zur klassischen Filmgeschichte gehören wie „Der Weg ins Leben“, und beides Mal durfte ich nicht mit, obwohl ich gebittelt und gebettelt hatte. Aber es war nichts zu machen. Ich musste ins Bett und das hab ich eigentlich meinen Eltern sehr übel genommen, vor allen Dingen dann auch während der Haftzeit, wo für mich ja die Erlebnisse aus dieser Zeit vorher ein Quell der Erinnerung und der Kraft waren, wenn man sich an die gemeinsamen Veranstaltungen dann zurück besann und die anderen Kameraden erzählten dann gerade von solchen Dingen und ich musste sagen, ja, das habe ich nicht erleben dürfen. Da war ich dann doch ein bisschen sauer.

Wie war das denn 1933? Die KPD wurde ja ziemlich bald von den Nationalsozialisten verboten, die Sozialdemokratie dann auch. Wie war denn das mit dem Arbeiterschwimmverein?
Die Arbeiterschwimmvereine wurden auch in den ersten Monaten sofort aufgelöst und ihr gesamtes Vermögen beschlagnahmt. Also zum Vermögen des Arbeiterschwimmvereins in Stuttgart gehörte ja das Freibad oben, zusammen mit dem Freibadverein, oben im Krummbachtal, hinter der Schillerhöhe, das haben ja Arbeitslose damals aus den Kulturorganisationen, also hauptsächlich vom Schwimmverein aufgebaut und haben dazu einen Freibadverein gegründet. Das war alles in freiwilliger Arbeit errichtet worden, und das wurde sofort beschlagnahmt. Wann, weiß ich nicht genau, also ob das nun im Februar oder im März oder April erst war, das kann ich nicht sagen, aber ich weiß, ich musste, wenn ich meinen Sport weiter treiben wollte, und ich wollte weiter schwimmen, weil ich begeisterter Schwimmer war, damals war ich dann schon Lehrling, musste ich in einen bürgerlichen Schwimmverein gehen, und das war in Stuttgart der Verein Delfin, so hieß der und der hatte Schwimmabende nur in Stuttgart-Heslach. Der war also nicht so groß wie der alte Arbeiterschwimmverein, und da sind viele von uns hingegangen und nur damit sie weiter schwimmen konnten und das habe ich dann auch gemacht mit einigen jungen Freunden.

Arbeiterschwimmverein Stuttgart, Abteilung Wassersport, um 1930.

Und man musste Vereinsmitglied sein, um schwimmen zu können, wurde das dann billiger?
Ja, dadurch wurde es billiger. Man brauchte ja nur den Mitgliedsbeitrag zu zahlen. Denn man hätte ja auch sonst schwimmen können, aber nicht so spät abends, weil ab dieser Zeit waren dann die Bäder nur für Vereine und vorher war eben der normale Eintritt und dann hätte man jedes Mal neu bezahlen müssen.

„In den Arbeiterkulturvereinen waren ja mehr Arbeiter organisiert als in einer Partei. […] Das war natürlich eine starke Stütze für die Arbeiterbewegung.“

Ja, und haben Sie denn nun einen Unterschied empfunden? Ich weiß ja nicht, ob sie sich zurück erinnern können. Aber haben Sie einen Unterschied empfunden, jetzt zwischen dem Arbeitersportverein, dem Arbeiterschwimmverein und diesem bürgerlichen Verein Delfin dann ab 1933?
Ja, es war schon vom Milieu her etwas anderes. Hauptsächlich deshalb, wenn man die Leute ja gar nicht kannte, nicht, die waren aus einem anderen Viertel, die meisten Leute. Und dann gab es dort keine politischen Gespräche mehr, so wie man es vorher gewohnt war, dass man die Dinge, die die Arbeiter betrafen, da eben auch besprochen hat, und so weiter. Aber was mich am meisten dann gestört hat, das war, dass dort von den Nazis durch die Gleichschaltung der Wehrsport eingeführt worden ist für die jungen Sportler. Zwar noch freiwillig in Anführungsstrichen, aber es ist klar, wer nicht auffallen durfte, der hat eben mitgemacht, und das war der erste Anlass, dass ich mich eigentlich der nationalsozialistischen Erziehung entzog, indem ich das dann ablehnte. Ich bin einmal mitgegangen und dann habe ich gesagt, nein, das kommt für mich also nicht infrage. Mein Vater hat mir genug erzählt vom letzten Weltkrieg, was da alles war und dass das grausam ist und immer auf dem Rücken der Kleinen ausgetragen wird. Die müssen die Opfer bringen, und das kam für mich nicht infrage. Dem wollte ich mich also mit aller Entschiedenheit entziehen.

Also es war schon so, dass mit dem Verbot der Arbeitervereine eigentlich auch ein Stück Arbeitersolidarität zerschlagen wurde oder einfach erschwert wurde?
Ja, genau die Arbeitersolidarität ist empfindlich getroffen worden, denn in den Arbeiterkulturvereinen waren ja mehr Arbeiter organisiert als in einer Partei. Das ist ganz klar, denn da konnte jeder mitmachen, ob man nun streng politisch ausgerichtet war oder nur aus geselligen Gründen dabei war, damit man unter seinesgleichen ist, und das war natürlich eine starke Stütze für die Arbeiterbewegung. Für die ganzen kulturellen Veranstaltungen der Arbeiter, die in den Jahren vor ‘33 liefen, haben ja die Arbeitervereine immer die Umrahmung geliefert für solche Dinge. Es gab, ich weiß, nach oben, auf den Wangener Höhen, gab es immer Feste und wo immer die Arbeiterkapellen dann gespielt haben, auch wenn nur ein ganz gewöhnliches Fußballspiel war oder sonst was oder sonst ein Turnen, das kam dann von den Vereinen.


An dieser Stelle endet die Aufnahme des Interviews.

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