Die Internetnutzung ist heute mit Abstand die häufigste Freizeitbeschäftigung. Fast alle Erwachsenen und Jugendlichen nutzen das Netz. Etwa drei Viertel davon bewegen sich auch in sozialen Medien. Erstaunlich daran ist, dass gleichzeitig die Kritik an der Internetnutzung und insbesondere an den sozialen Medien massiv ist. Das Netz sei ein Zeitfresser, der vor allem Frust erzeuge. Die Gefahren reichten von „zu langem Scrollen, ohne aufhören zu können“, über Falschinformationen, Betrug und Abzocke bis zu Mobbing, Hass und Beleidigungen und das führe zu Stress und psychischen Belastungen. Depressionen, Angst- und Essstörungen nähmen zu oder würden zumindest sichtbarer. Ursache sei die permanente Nutzung des Internets. Im öffentlichen Raum würden die Menschen nur noch in ihre Smartphones starren. Persönliche Kommunikation und soziale Fähigkeiten nähmen dramatisch ab. Sogar Jugendliche sind mehrheitlich dafür, die Internetnutzung einzuschränken. Der Haken daran ist, dass sich die meisten Jugendlichen der Gefahren bewusst sind, aber Verbote oder Einschränkungen sollen nur die Jüngeren, die unter-14-Jährigen treffen. Offensichtlich ist die Attraktivität des Netzes größer als die Angst vor negativen Auswirkungen und die Einzelnen meinen meist, sie hätten die Sache im Griff.
Die Kritik am Internet, an dessen negativen Auswirkungen, hängt eng damit zusammen, dass es im Laufe seiner Entwicklung ein visuelles Medium geworden ist, das die menschlichen Affekte über Bilder anspricht. Es baut auf dem menschlichen Bedürfnis auf, sehen und gesehen zu werden. Die Schaulust ist dabei der zentrale menschliche Antrieb. Diese hat durchaus zwei Seiten, sie ist einerseits die hedonistische Lust am Spektakel, Basis für Sensationsgier und Voyeurismus. Andererseits kann die Schaulust auch ein Zeichen sozialer Anteilnahme sein, sie kann Ausdruck von Interesse und Mitgefühl an anderen Menschen sein. Basis ist in beiden Fällen die Emotionalität, die sich sowohl positiv als auch negativ ausdrücken kann. Sehr häufig sind die beiden Seiten nicht wirklich zu trennen, d.h. meist ist die Emotion eine Mischung aus Neugierde und Mitgefühl. Die Schaulust und die damit verbundene Diskussion haben eine lange Geschichte. Bereits im alten Griechenland übte Platon harte Kritik am Theater. Mit dem Theater wollte er gleich die gesamte Dichtung aus seinem Staat verbannen. Sie sei in der Lage, selbst die anständigsten Menschen zu schädigen. Nur wenige Ausnahmen sollten zugelassen werden, die Götterhymnen und die Loblieder auf gute Menschen. Das Theater arbeite mit Emotionen und die breite Masse sei für Erregung empfänglich, was für Staatsangelegenheiten hinderlich sei.
Das Internet ist nun eine Erregungsmaschine, die sehr viel ausgeprägter als das Theater mit Emotionen arbeitet. Es bezieht die Menschen sehr persönlich und direkt ein. Sie können selbst Teil des weltweiten Netzes und der weltweiten Kommunikation werden, sie können sichtbar werden. Das Netz war zwar eine Erfindung, die dem Militär dienen sollte, hat sich dann aber zu einem Medium entwickelt, das lange Zeit die Hoffnung auf ein soziales Verständigungsmittel im positiven Sinn verkörperte. Das Versprechen des Netzes insbesondere der sozialen Medien war, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Kommunikation, Gemeinschaften, soziale Werte standen scheinbar im Vordergrund. Alte Grenzen sollten aufgehoben werden, alle sollte mit allen ohne Grenzen kommunizieren können. Ästhetisch wurden neue Möglichkeiten aufgetan und viele bisher gültige Normen und Verhaltensregeln galten als veraltet. Mit der Zeit stellte sich aber immer mehr heraus, dass die Internetfirmen weder von rechtlichen, noch ästhetischen, noch normativen Ansprüchen getrieben sind, sondern vom großen Geld. Das Netz wurde Schritt für Schritt kommerzialisiert, womit immer mehr negative Effekte überhand nahmen. Die Schaulust ist zum Geschäft geworden. Der Markt entscheidet, was wichtig ist, was gezeigt wird und in welcher Form es gezeigt wird. Wer sich in einem Medium befindet, soll möglichst lange darin gehalten werden. Je süchtiger jemand danach ist, desto besser. Klickzahlen dominieren das Netz und wenn Hetze, Schadenfreude, Rechtspopulismus, Anbiederung an die Politik usw. Aufmerksamkeit und damit auch Gewinn bringen, werden sie zum probaten Mittel.
Nun bleibt die Frage: Wie sich wehren gegen diese Entwicklung? Ein Medium, an das man sich gewöhnt hat, in dem man sich selbstverständlich bewegt, in dem man Kontakte pflegt, das einem Aufmerksamkeit sichert… ist persönlich wichtig geworden. Es fällt sehr schwer, aus lieb gewordenen Medien auszusteigen und auf Medien, die nicht in erster Linie vom Profit getrieben sind, umzusteigen. Das Sehen und Gesehen werden steht auf dem Spiel. Wer möchte sich schon sozial ausschließen und/oder seine Reichweite freiwillig stark einschränken? Doch je größer die Abhängigkeiten und die damit verbundenen sozialen Kosten werden, desto wichtiger wird es, entsprechende Alternativen zu nutzen bzw. aufzubauen.



