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Klassenkampf beginnt im Alltag – Der Klassenkampf Stammtisch stellt sich vor

Mit dem Klassenkampf Stammtisch hat die Organisierte Autonomie einen neuen Anlaufpunkt geschaffen. Wir haben mit ihnen darüber gesprochen, warum es den Stammtisch braucht, was Klassenkampf heute eigentlich bedeutet und wie aus gemeinsamen Problemen gemeinsamer Protest werden kann.

Ihr habt mit dem Klassenkampf-Stammtisch einen neuen Anlaufpunkt geschaffen. Wie kam es dazu? Was war für euch der Anlass zu sagen: Wir brauchen so einen Stammtisch?

Eigentlich war der Ausgangspunkt ziemlich simpel: Wir erleben gerade an ganz unterschiedlichen Stellen Angriffe auf unsere Lebensbedingungen. In den Betrieben werden Stellen gestrichen, Arbeitszeiten sollen verlängert werden, gleichzeitig steigen Mieten und Preise. Beim Bürgergeld und anderen Sozialleistungen soll gekürzt werden, das Rentenalter wird wieder infrage gestellt und auch hier in Stuttgart wird bei sozialer Infrastruktur, Kultur oder den Kitas gespart. Gleichzeitig erleben wir eine massive Aufrüstung und die politische Ausrichtung auf die sogenannte „Kriegstüchtigkeit“.

Vieles davon wird aber erst einmal als einzelnes Problem wahrgenommen: Die einen kämpfen gegen Stellenabbau in ihrem Betrieb, andere ärgern sich über steigende Mieten oder höhere Kita-Gebühren. Wir wollten einen Ort schaffen, an dem wir solche Erfahrungen zusammenbringen und gemeinsam darüber diskutieren können: Was passiert da eigentlich gerade? Was hat das miteinander zu tun? Und vor allem: Was können wir gemeinsam dagegen tun? Daraus ist die Idee für den Klassenkampf-Stammtisch entstanden.

„Klassenkampf“ klingt für manche vielleicht etwas aus der Zeit gefallen. Wo begegnet uns Klassenkampf heute ganz konkret im Alltag?

Kurz gesagt: überall dort, wo darum gerungen wird, wer über unsere Zeit, unser Geld und letztlich unsere Lebensbedingungen bestimmt. Wenn Unternehmen Stellen streichen oder mehr Arbeitszeit verlangen, weil sie ihre Profite sichern wollen, dann stehen unterschiedliche Interessen gegeneinander. Genauso ist es bei der Frage, ob wir bis 67 oder noch länger arbeiten sollen, wie hoch unsere Löhne sind oder wer die Kosten einer wirtschaftlichen Krise trägt.

Klassenkampf beginnt also nicht erst beim großen Streik vor dem Werkstor. Er steckt auch in vielen Auseinandersetzungen, die auf den ersten Blick ganz alltäglich wirken. Und findet auch nicht nur im Betrieb statt. Wenn öffentliche Leistungen gekürzt, Kita-Gebühren erhöht oder soziale Angebote gestrichen werden, stellt sich ebenfalls die Frage, wie gesellschaftlicher Reichtum verteilt wird und wer die Folgen von Krisen trägt.

Vielleicht klingt der Begriff alt. Den grundlegenden Interessengegensatz, den er beschreibt, ist aber ziemlich aktuell: Die große Mehrheit von uns ist darauf angewiesen, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen, um Miete, Essen und das restliche Leben bezahlen zu können. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die über Unternehmen und Kapital verfügen und damit Profite erwirtschaften. 

Daraus entstehen unterschiedliche Interessen: Beschäftigte wollen höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten und sichere Arbeitsplätze. Für Unternehmen sind Löhne dagegen Kosten, die sie möglichst niedrig halten wollen.

Klassenkampf findet also ohnehin statt. Die entscheidende Frage ist für uns eher, ob wir diesen Entwicklungen vereinzelt gegenüberstehen – oder ob wir unsere gemeinsamen Interessen erkennen und sie auch gemeinsam vertreten.

Ob bei Rente, Arbeitszeit oder Sozialleistungen: Oft heißt es, wir könnten uns die bisherigen Standards einfach nicht mehr leisten. Was entgegnet ihr darauf?

Zunächst würden wir die Frage anders stellen: Wer ist eigentlich dieses „Wir“?

Wenn gesagt wird, „wir“ könnten uns etwas nicht mehr leisten, klingt es so, als säßen alle im selben Boot und müssten jetzt gemeinsam verzichten. Aber die Auswirkungen sind sehr unterschiedlich verteilt. Für jemanden, der körperlich arbeitet, sind ein paar Jahre länger bis zur Rente etwas anderes als für jemanden, der über große Vermögen verfügt. Und wenn soziale Angebote gestrichen oder Gebühren erhöht werden, trifft das Menschen mit wenig Einkommen viel stärker.

Gleichzeitig sehen wir, dass enorme Summen für Aufrüstung und die Herstellung von „Kriegstüchtigkeit“ mobilisiert werden. Geld und gesellschaftlicher Reichtum sind also vorhanden.  Deshalb wollen wir beim Stammtisch auch hinter solche scheinbaren Sachzwänge schauen. Es geht nicht nur darum, ob irgendwo Geld fehlt, sondern auch darum, wie gesellschaftlicher Reichtum verteilt ist, wofür Geld ausgegeben wird und wer darüber entscheidet. Kürzungen, längere Arbeitszeiten oder ein späterer Renteneintritt sind keine Naturgesetze. Es sind gesellschaftliche Auseinandersetzungen. Und deshalb können wir uns auch dagegen wehren.

Und was macht ihr ganz konkret beim Stammtisch? Reden über die Probleme ist das eine – aber was kann so ein Stammtisch daran überhaupt ändern?

Natürlich werden wir beim Stammtisch nicht beschließen, dass morgen gestreikt wird, und am nächsten Tag stehen alle Betriebe still. Aber wir wollen eben auch nicht nur zusammensitzen und über die schlechten Verhältnisse reden.

Wir wollen zunächst einen Raum schaffen, in dem Menschen ihre Erfahrungen austauschen können. Was passiert gerade in meinem Betrieb? Was bedeutet eine politische Entscheidung konkret für mich? Haben andere ähnliche Probleme? Dazu beschäftigen wir uns mit aktuellen Themen, diskutieren ihre Hintergründe und überlegen gemeinsam, wo wir aktiv werden können.

Dazu gehört für uns aber auch, praktisch aktiv zu werden. Wir informieren über aktuelle Angriffe und Proteste, unterstützen bestehende soziale Kämpfe und wollen selbst Protest mitorganisieren. So haben wir uns beispielsweise an den Protesten unter dem Motto „Kommunen am Limit“ oder an den Demonstrationen gegen Sozialabbau am 26. September beteiligt.

Denn viele Probleme erscheinen erst einmal individuell: Ich komme mit meinem Lohn nicht hin. Meine Arbeitsbelastung steigt. Meine Miete wird teurer. Genau da wollen wir ansetzen und deutlich machen, dass das keine rein individuellen Probleme sind, sondern Erfahrungen, die viele Menschen teilen und die gesellschaftliche Ursachen haben.

Ein Stammtisch allein verändert natürlich noch keine gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse. Aber er kann ein Ort sein, an dem wir uns kennenlernen, voneinander lernen und gemeinsam aktiv werden. Denn Verbesserungen unserer Lebensbedingungen werden nicht geschenkt. Sie müssen erkämpft werden – und dafür braucht es Menschen, die sich zusammentun.

Und wer jetzt denkt: Das klingt interessant – für wen ist der Stammtisch gedacht und wie kann man dazukommen?

Eigentlich für alle, die sich für diese Fragen interessieren – und besonders für diejenigen, die sagen: Ich möchte den Angriffen auf unsere Lebensbedingungen nicht einfach zuschauen, sondern gemeinsam mit anderen etwas dagegen tun. Man muss weder Gewerkschaftsfunktionär*in sein noch Marx gelesen haben oder schon seit Jahren politisch aktiv sein.

Vielleicht gibt es Stress im Betrieb, vielleicht macht man sich Gedanken darüber, wie lange man noch arbeiten soll, vielleicht nerven die steigenden Lebenshaltungskosten oder der Sozialabbau. Oder man fragt sich, warum für Aufrüstung plötzlich enorme Summen zur Verfügung stehen, während gleichzeitig überall erzählt wird, wir müssten sparen. Oder man hat einfach das Gefühl, dass gerade einiges in die falsche Richtung läuft und möchte sich mit anderen darüber austauschen.

Genau dafür soll der Stammtisch ein niedrigschwelliger Ort sein. Man kann einfach vorbeikommen, zuhören, mitdiskutieren und die eigenen Erfahrungen einbringen – und natürlich auch gemeinsam mit uns aktiv werden.



Der Klassenkampf-Stammtisch findet jeden ersten Montag im Monat um 19 Uhr im Stadtteilzentrum Gasparitsch statt.

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