Das Freizeitverhalten hat sich geändert, laut Freizeitmonitor „nimmt das Bedürfnis nach „einfach nichts tun“ spürbar zu. 62 von 100 Befragten gaben an, regelmäßig zu faulenzen, zu chillen oder bewusst nichts zu tun – ein Plus von 14 Prozentpunkten gegenüber 2010″. Dabei sollten Menschen der Generation, die zwischen 1981 und 1994 geboren sind und damit der sogenannten Generation Y oder Millennials angehören, entsprechend ihres Alters jetzt die „Leistungsträger“ darstellen und in die „Leistungselite“ aufsteigen. Aber sie leben laut Heinrich-Böll-Stiftung in einer „Dialektik von hohen Sinnerwartungen im Arbeiten einerseits und dem Rückzug ins private Freizeitglück“. Ein wichtiges Anliegen sei das Ausbalancieren von Arbeit und Freizeit, die Work-Life-Balance. Dies ist aber kein spezielles Anliegen der Generation Y, schon seit ihrem Bestehen kämpfen die Gewerkschaften für mehr Freizeit, zunächst war es der Kampf um den 8-Stunden-Tag, dann für mehr Urlaub, für die 35-Stunden-Woche, für Herabsetzung des Rentenalters…

Dazu der Kommentar „unseres“ Bundeskanzler: „Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand unseres Landes nicht erhalten können“, „Insgesamt ist die Arbeitsleistung unserer Volkswirtschaft nicht hoch genug“, „wieder mehr und vor allem effizienter“ arbeiten. Aus der CSU deren Vorsitzender und bayerische Ministerpräsident Markus Söder: „Wir sind kein Hobbyland“, aus der ehemaligen „Arbeiterpartei“ SPD deren frühere Vorsitzende und aktuelle Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit Andrea Nahles: „Arbeit ist kein Ponyhof.“ Ihr Vorgänger Sigmar Gabriel hält die Forderung nach der Vier-Tage-Woche für „gaga“ und möchte eine 42-Stunden-Woche. Selbstverständlich kommen diese Forderungen der Wirtschaft sehr entgegen. Steffen Kampeter, Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA): „Wir brauchen mehr Bock auf Arbeit“ oder der Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing: „Wir müssen wieder lernen, härter zu arbeiten.“
Die 1950er Jahre lassen grüßen, zurück in eine Zeit, als Arbeit noch „adelte“, als es noch aufwärts ging, als man noch voller Stolz sagen konnte: „I schaff beim Daimler“ oder man noch deutlicher machen konnte, wie wichtig einen „sein“ Betrieb machte: „Halt dei Gosch, i schaff beim Bosch.“ Diese Zeiten sind leider oder endlich vorbei. Die Automobilindustrie hat schwer an Renommee verloren, sie ist nicht mehr der Garant für Fortschritt, sie ist in der Krise.

Ursache der Krise sind unter anderem die drohende Klimakatastrophe, aber vor allem die veränderten Bedingungen unter denen weltweit agiert wird. Der sogenannte „Globale Süden“ ist nicht länger der Hinterhof des Westens. China ist nun ein ernst zu nehmender Konkurrent und das Selbstbewusstsein anderer Länder ist gewachsen. Die Vorherrschaft des Westens, der sich nach 1989 als Sieger der Geschichte gefühlt hat, gerät ins Wanken.

Nun braucht es einen Schuldigen und jemanden, der die Zeche bezahlt. Um konkurrenzfähig zu bleiben, soll die Arbeit wieder ins Zentrum des persönliche Selbstverständnisses der Menschen gerückt werden. Die erkämpften Freiräume wie kürzere Arbeitszeiten, mehr Urlaub, Teilzeit, Reduzierung des Rentenalters… sollen eingeschränkt werden, vorbei die Work-Life-Balance. Dabei hat sich der vom Neoliberalismus versprochene steigende Wohlstand für alle bei weitem nicht eingestellt. Der Unterschied von arm und reich ist nicht kleiner, sondern größer geworden. Allen, die nicht reich sind, wird auch noch vermittelt, dass sie selbst schuld sind, denn jede und jeder ist ja angeblich seines eigenen Glückes Schmied, das Kollektive hat gegenüber dem Individuellen an Bedeutung verloren. Die Angst vor dem Abstieg ist größer geworden, die sozialen Sicherungssysteme stehen unter Druck. Die Schuldigen an dieser Misere sind angeblich die, die nicht genug arbeiten wollen. Auf diese soll die Wut über das gebrochene Versprechen des Neoliberalismus abgeleitet werden. Zu welchen Bedingungen und zu welcher Bezahlung gearbeitet wird, ob es angesichts der technischen Entwicklung genug entsprechende Arbeitsplätze gibt, ob die Care-Arbeit wieder allein den Frauen überlassen werden soll…, das spielt alles keine Rolle.

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