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„Wir säen Widerstand“ – Die Geschichte des Circolo L’Ortaccio in Vicopisano

Im vergangenen Jahr führte uns unsere Bildungsreise nach Vicopisano in der Toskana. Dort lernten wir mit dem Circolo L’Ortaccio einen Ort kennen, bei dem uns einiges bekannt vorkam: einen selbstorganisierten Treffpunkt, der von vielen Menschen getragen wird und Raum für Kultur, politische Diskussion, gemeinsames Feiern und solidarisches Miteinander schafft. L’Ortaccio ist Teil des italienischen ARCI-Netzwerks und blickt auf eine lange Geschichte zurück, deren Wurzeln bis in die Nachkriegszeit und die Tradition der italienischen Arbeiter*innenbewegung reichen. Seit Generationen wird der Ort gemeinschaftlich getragen und immer wieder weiterentwickelt. 

Natürlich war und ist das interessant für uns – und hoffentlich auch für euch. Deshalb haben wir unsere Freund*innen vom L’Ortaccio gebeten, uns etwas über die Geschichte ihres Circolo zu erzählen – und darüber, was es bedeutet, einen solchen sozialen Ort von unten aufzubauen und über Generationen am Leben zu halten.

L’Ortaccio ist ein Verein im ARCI-Netzwerk (Associazione Ricreativa Culturale Italiana1). Er hat seinen Sitz in der Gemeinde Vicopisano (PISA), in der Toskana, im unteren Valdarno, an der Grenze zwischen den Provinzen Pisa, Lucca und Florenz. Der Ort Vicopisano erstreckt sich am östlichen Fuße des Monte Pisano und zeichnet sich durch eine nahezu unveränderte mittelalterliche Struktur sowie durch landschaftliche Besonderheiten aus, die ihn zu einem attraktiven Ziel für Kultur- und Naturinteressierte machen.

Abgesehen vom Tourismus und der Kultur – Bereiche, die in der Toskana oft im Mittelpunkt stehen – gibt es hier eine lebendige Gemeinschaft von Menschen, die in diesen Gebieten leben. L’Ortaccio richtet sich in erster Linie nach den sozialen Bedürfnissen seiner Mitglieder, die in der Umgebung wohnen. Der Verein ist nicht nur ein Ort für Freizeit und Kultur, sondern auch eine wichtige soziale Infrastruktur.

In Vicopisano machen ältere Menschen (über 65 Jahre) ein Viertel der Bevölkerung aus, und ihre Zahl wächst stetig. Viele leben allein, während Familien zunehmend mit Betreuungsaufgaben belastet sind. Junge Menschen (15–24 Jahre) machen nur 9 % der Bevölkerung aus. Man beobachtet soziale Isolation, Integrationsprobleme und teilweise Abhängigkeiten. Ohne einen Treffpunkt wie L’Ortaccio wäre das Leben hier für Jung und Alt sehr einsam.

Der Circolo bietet Aktivitäten, Begegnungsräume und Dienstleistungen Er fördert Wohlbefinden, Gemeinschaft, Solidarität, aktive Teilnahme und trägt zur kulturellen und zivilgesellschaftlichen Entwicklung seiner Mitglieder sowie der gesamten Gemeinde und des Territoriums bei. Er unterstützt den Dialog zwischen den Generationen, selbst durch einfache Momente wie das Zusammensitzen unter demselben Dach, und schafft ein Zugehörigkeitsgefühl zur eigenen Gemeinschaft.

Das Wort „Circolo“ zeigt, dass man Teil eines Netzwerks ist, einen physischen aber auch sozialen und kulturellen Raum teilt, und nicht nur Konsument von Dienstleistungen ist. L’Ortaccio ist kein kommerzieller Club, sondern ein Vereinsort für Mitglieder (keine Kunden), der auf Beteiligung und Austausch basiert. Um teilzunehmen, ist die Mitgliedschaft erforderlich, und die Satzung ist auf www.ortaccio.it einsehbar.

L’Ortaccio hat sich seit seinen Anfängen den jeweiligen Zeiten angepasst. Während das nationale ARCI-Netzwerk 1957 gegründet wurde, ist die Geschichte unseres Vereins in Vicopisano sogar noch älter: Er entstand – dank des Engagements und der Leidenschaft vieler Generationen – seit dem Nachkriegszeitraum. Eine Geschichte von über 80 Jahren, getragen von Menschen, die an die Idee eines „Casa del Popolo“ glaubten – eines Ortes, der Menschen zusammenbringt und verbindet.

Vor L’Ortaccio gab es die einfache Gesellschaft La Rocca, gegründet 1950 von Einheimischen als sozialer Treffpunkt nach der Arbeit. Der Sitz befand sich damals in einem Gebäude am zentralen Platz, nicht im heutigen Park entlang der Stadtmauern. Dort war auch die Kommunistische Partei untergebracht, zudem gab es einen Plattenspieler und einen Boxraum. Die Räume waren jedoch zu klein für die Aktivitäten und die Menschen, die sich bereits um diesen sozialen Ort versammelten. Vor allem fehlte ein Außenbereich für Fundraising-Feste zugunsten der Parteizeitung L’Unità2.

Der Wunsch, die Festa dell’Unità in Vicopisano zu feiern, führte zur ersten und größten Veränderung. Dank einer großen Spendenaktion, an der 300 Familien beteiligt waren (an deren Namen bis heute erinnert wird), konnte ein neues Gelände mit großem Park – das Ortaccio – erworben werden. Das verfallene landwirtschaftliche Gebäude und der Garten wurden in den 1970er Jahren in den heutigen Vereinsort umgebaut.

Durch finanzielle Beiträge und ehrenamtliches Engagement vieler Generationen von Vicopisano-Bewohnern entwickelte sich der heutige Verein und seine Aktivitäten langsam, historisch gesehen manchmal schwer nachzuvollziehen. Schließlich wurde der ARCI-Verein L’Ortaccio formal am 5. Juli 1997 gegründet.

Der Verein besitzt das Gebäude nicht, hat jedoch volle Nutzungsfreiheit und die Verantwortung, es funktionstüchtig und offen zu halten. Seit Ende 2013 hat eine neue Generation von Mitgliedern – nicht nur Einheimische, sondern auch Zugezogene – das historische, bauliche und kulturelle Erbe übernommen. Unter Beachtung moderner Vorschriften (heute eingetragen im RUNTS, dem nationalen Register der sogenannten Dritten-Sektor-Organisationen) und angesichts der heutigen komplexen wirtschaftlichen und sozialen Lage setzt L’Ortaccio stolz die Idee einer von unten getragenen sozialen Gemeinschaft fort, die die ganze Stadt unterstützt.

Die politische Identität ist heute nicht mehr einheitlich wie in den 1950er Jahren. L’Ortaccio ist kein Parteisitz mehr. Was die heutige Mitgliedergruppe zusammenhält, ist vielleicht nicht einmal ganz klar. Sicher ist: der Traum von einer besseren Welt, die Kraft, sich den Zwängen des Kapitalismus zu widersetzen und alternative Lebensstile und Ideen vorzuschlagen – all das sind Werte, die in gewisser Weise aus den frühen 2000er Jahren stammen mit der Entstehung der No-Global-Bewegungen.

Wir stehen für Gleichheit, Freiheit, Antifaschismus, Umweltschutz, Antirassismus und Antisexismus. 

Wir setzen uns für soziale und ökologische Gerechtigkeit ein und für das Recht aller Menschen, ein würdiges und glückliches Leben zu führen. Solidarität, Offenheit, Respekt und Toleranz bilden für uns die Grundlage der Gegenwart, der wir uns zugehörig fühlen, und der Zukunft, die wir von heute an gestalten möchten – eine Zukunft, die alle Lebewesen und Menschen einbezieht, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Hautfarbe.


„Wir säen Widerstand“ steht auf einem der verschiedenen T-Shirts, die das Ortaccio hat drucken lassen. 

  1. ARCI wurde 1957 gegründet als Netzwerk von Freizeit- und Kulturvereinen, die mit der Tradition der italienischen Linken verbunden waren, besonders mit dem Partito Comunista Italiano und der Arbeiterbewegung. Ziel war es, Orte für Gemeinschaft, Kultur und politische Teilhabe zu schaffen, die vor allem für die arbeitende Bevölkerung zugänglich sind. ↩︎
  2. Das Festa dell’Unità ist eine der wichtigsten politisch-kulturellen Traditionen Italiens, verbunden mit der Zeitung L’Unità und dem Partito Comunista Italiano. Es war ein mehrtägiges Event mit Essensständen, politischen und kulturellen Veranstaltungen, das vom ehrenamtlichen Engagement der Parteimitglieder organisiert wurde. Jede Ortsgruppe der Partei veranstaltete ihre eigene Festa. ↩︎

Weitere Infos

Webseite: https://www.ortaccio.it

Instagram: orta_ccio

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