Beengte Verhältnisse, die schlichte Unmöglichkeit bezahlbaren Wohnraum zu finden, steigende Mieten bis hin zu Zwangsräumungen – das sind nur einige der ersten Assoziationen, die heute mit dem Thema Wohnen verbunden werden. „Welches Zuhause?“ zeigt auf, dass selbst der eigene Wohnraum ein Ausdruck der politischen Verhältnisse ist.
Der Band versammelt zehn Erzählungen verschiedener Autorinnen und Autoren aus dem Umfeld des Literaturkollektivs nous – konfrontative Literatur. Was sie verbindet: Wohnen wird nicht als Hintergrund erzählt, sondern als Konflikt. Die Texte nehmen dabei bewusst die Perspektive der Mieterinnen und Mieter ein – nah an der Erfahrung von Enge, Unsicherheit und auch Solidarität.
Dabei ist Welches Zuhause? kein klassischer Erzählband im Sinne von „unterhaltsamer Vielfalt“. Die Geschichten sind unterschiedlich – mal direkter, mal metaphorischer –, aber sie arbeiten alle an derselben Frage: Was bedeutet es, ein Zuhause zu haben, wenn dieses Zuhause von Marktlogik durchzogen ist? Wenn gebaut, vermietet und organisiert wird, um Profit zu erzielen – und nicht, um Bedürfnisse zu erfüllen?
Gerade darin liegt die Stärke des Buches: Es verschiebt den Blick. Das, was oft als individuelles Problem erscheint („zu wenig Geld“, „falsche Wohnung“, „Pech gehabt“), wird als Ausdruck sozialer Verhältnisse lesbar. Wohnen wird hier nicht romantisiert, sondern als das gezeigt, was es für viele ist: Ein permanenter Kampf um Raum, Sicherheit und Würde.
Literarisch bedeutet das auch: Die Texte sind nicht immer „angenehm“. Sie verweigern sich häufig klassischen Erzählbögen, lösen Konflikte nicht auf, bleiben zum Teil fragmentarisch. Das kann anstrengend sein – passt aber zur Sache. Denn auch die Realität, die sie beschreiben, ist nicht rund.
Der Band knüpft dabei an eine literarische Tradition von Texten über die Klassenrealität und insbesondere von Enge, Armut und unsicheren Wohnverhältnissen an. Welches Zuhause? greift diese Perspektive auf und übersetzt sie in die Gegenwart und wirkt dabei dringlich, fast dokumentarisch und gleichzeitig literarisch zugespitzt.
Was lässt sich daraus ziehen? Vielleicht vor allem dies: Dass Wohnen nicht einfach eine Frage von Quadratmetern und Mietverträgen ist, sondern eine politische Grundfrage. Und dass Geschichten – so unterschiedlich sie auch sein mögen – helfen können, diese Verhältnisse sichtbar zu machen.
Welches Zuhause? Erzählungen
Edition Assemblage
Paperback, 112 Seiten
ISBN 978-3-96042-204-4 / 2-140
14,00 Euro



