Unser Leben ist durchgetaktet – vor allem durch die Arbeit. Aber auch drumherum, in unserer vermeintlichen Freizeit, bleibt tatsächlich wenig freie Zeit übrig. Wir müssen zum Amt, zum Arzt, einkaufen – und all das erledigen, was nötig ist, um am nächsten Tag wieder arbeiten zu können, kurz: Reproduktionsarbeit erledigen.
Doch auch wer nicht arbeitet, hat nicht viele Möglichkeiten, die vermeintliche freie Zeit zu nutzen, da (fast) alles mit Konsum und Geld verbunden ist. Geld, das schlichtweg nicht da ist. Das heißt: freie Zeit ist nicht einfach frei verfügbar – selbst dann nicht, wenn man nicht arbeitet, denn die existentiellen Nöte und Bedürfnisse überschatten selbst die freie Zeit die uns bleibt.
Zugegeben: Es ist nicht so, dass wir gar keine freie Zeit hätten. Die meisten müssen nicht mehr 10 bis 12 Stunden am Tag arbeiten, es gibt Arbeitszeitregelungen, Urlaubsanspruch etc. Das heisst: Es gibt sehr wohl freie Zeit, die wir zur Verfügung haben. Allerdings ist diese Zeit geprägt davon, uns für den nächsten Arbeitstag wieder fit zu machen und die dazu notwendigen Arbeiten zu erledigen. Freie Zeit dient also oft dazu Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen. Sprich: Das Damoklesschwert – dass wir wieder was „schaffen“ und uns wieder für die Wirtschaft verwertbar machen – schwebt dauerhaft über unserer freien Zeit.
Und gleichzeitig sind diese Errungenschaften wie der 8-Stunden-Tag, Urlaubs- und Rentenansprüche sowie Krankengeldzahlungen uns nicht einfach in den „Schoß“ gefallen, sondern sie mussten durch Streiks und soziale Bewegungen erkämpft werden. Dass diese Rechte erkämpft werden mussten, hat einen Grund. Hier prallen Interessen aufeinander: Die Wirtschaft oder besser, die Profiteure dieser Wirtschaft, haben ein klares Interesse: mehr Arbeit, weniger Kosten. Ihr Interesse ist, dass „mehr geschafft wird“ und wir alles dafür tun, damit es der „Wirtschaft besser geht“. Konkret heißt das für uns: Mehr und länger arbeiten, weniger Urlaub nehmen und vor allem weniger krank sein, später in Rente gehen und so wenig Lohn wie möglich erhalten. Ihnen schwebt vor: Die Menschen sind für die Wirtschaft da – der Profit steht im Mittelpunkt. Und die Wirtschaft ermöglicht den Menschen dann ein gutes Leben. Dabei wird gerade jetzt (aber eigentlich auch schon seit jeher) immer klarer, dass das so nicht funktionieren wird.
„Das heißt: freie Zeit ist nicht einfach frei verfügbar – denn die existentiellen Nöte und Bedürfnisse überschatten selbst die freie Zeit die uns bleibt.“
Und so haben wir, also der Großteil der Bevölkerung, eher entgegengesetzte Interessen: mehr Freizeit, mehr Lebensqualität und ein gutes Leben. Kurz: Die Bedürfnisse der Menschen stehen im Mittelpunkt – oder: Die Wirtschaft ist für die Menschen da.
Und genau deshalb wird auch unsere freie Zeit immer wieder angegriffen. Dieser Interessensgegensatz bestimmt nicht nur unsere Arbeit, sondern auch unsere Freizeit. Aktuell tendiert das Pendel eher in die Richtung, dass die Arbeit gewinnt. Nicht umsonst wird darüber diskutiert, das Renteneintrittsalter hochzusetzen, die 40-Stunden-Woche abzuschaffen, Streiks einzuschränken und vieles mehr. Das heisst, die Profiteure versuchen ihre Profite auf Kosten der Bedürfnisse der Menschen weiter abzusichern.
„Der Wirtschaft geht’s wohl nich’ so gut g’rad“
Dieser Konflikt zeigt sich besonders deutlich in der aktuellen Krisendebatte: Das Hauptargument für diese Diskussion ist ja, dass es der Wirtschaft nicht so gut gehe, dass es eine Krise gibt und dass wir alle zusammenhalten müssten, um das abzuwenden. Die Frage ist, was bedeutet eigentlich das „wir“? Denn das Wohlstandsversprechen und das gute Leben für alle stellt sich ja angesichts von Kriegstüchtigkeit und Sozialabbau immer mehr als Farce heraus. Also die Frage, die wir uns stellen müssen, ist, um es mit der Punkrockband „Team Scheiße“ zu formulieren: „Denkt die Wirtschaft auch an mich“. Und die Antwort ist – wie oben angeschnitten: nur bedingt.
Denn aus dem aufgezeigten Interessensgegensatz folgt, dass die Wirtschaft (oder besser die Profiteure dieser Wirtschaft) nur ihre Interessen im Blick haben und diese sich eben nicht mit unseren decken.
Ja, es gibt eine Krise – aber es liegt nicht an uns, diese in deren Interesse nach Profit zu lösen, sondern in unserem Sinne nach einem guten Leben für alle.
Wenn unsere Interessen nicht mit denen der Profiteure übereinstimmen, dann können wir uns auch nicht auf ihre Lösungen verlassen.
Was können wir dagegen machen?
Es klingt angesichts der aktuellen Diskussion um Arbeitsverdichtung, Sparmaßnahmen und dass wir „alle“ den Gürtel enger schnallen müssen, etwas kurios – aber es muss darum gehen, mehr Lebensqualität für alle zu erkämpfen und statt der Profite, die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Die Verhältnisse also vom Geldbeutel wieder auf die Füße zu stellen.
Mehr freie Zeit fällt nicht vom Himmel. Sie ist Ergebnis von Kämpfen – und wird es auch bleiben.
Wer darüber entscheidet, wie wir arbeiten und leben, entscheidet auch darüber, wie viel Zeit uns wirklich zur Verfügung steht.
Die Frage ist also nicht nur, wie wir unsere Freizeit verbringen, sondern auch, unter welchen Bedingungen sie überhaupt existiert und welche Funktion sie hat.
Um mehr freie Zeit zu erlangen, gehört logischerweise dazu, nicht noch länger zu arbeiten für die Interessen anderer, sondern für unsere Interessen einzustehen und diese zu verfolgen. Das liegt an jedem/*/jeder einzelnen von uns. Wir müssen damit beginnen, indem wir uns für Arbeitsverkürzungen einsetzen, indem wir nicht mehr buckeln für die Interessen anderer, indem wir unsere Interessen nicht als individuelle sondern als gesellschaftliche Interessen wahrnehmen – und zwar überall dort, wo wir leben, lernen oder arbeiten – im Stadtteil, in der Uni oder im Betrieb. Nur wenn wir uns zusammenschließen, werden wir auch gemeinsam mehr Freizeit verbringen können.



